Pflegenotstand? – Ich kann es nicht mehr hören.

Gefühlsmäßig geht es um nichts anderes mehr. Pflege = Notstand. In den Medien, der Politik, im Gespräch mit Kollegen, der Familie und und und.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir und unsere Profession definieren uns nurmehr über die prekäre Personalsituation. Pflegen am Limit. Überlastet. Ausgebrannt. Was mit den Pflegenden in jeglichen Settings gemacht wird, es ist grauenvoll. Wir werden funktionalisiert, zu Marionetten der dominanten Akteure in diesem Trauerspiel erzogen und leisten dem Folge, was uns an Aufgaben delegiert wird.

Plötzlich haben wir mal einen entspannteren Dienst als sonst, mehr Zeit – und was machen wir anders? Nichts. Wir könnten so viel mehr machen, aber wir sind funktionalisiert und instrumentalisiert worden. Wir funktionieren. Wir denken nicht mehr.

Unsere ureigene Profession, die “Pflege”, ist schon lange nicht mehr “Pflege”.
Pflege heißt Kontakt, Wahrnehmung, Betreuung, Intuition spüren, medizinisch behandeln, Prävention und Aufklärungsarbeit betreiben, prophylaktisch arbeiten, Einbindung von sozialem und kulturellem Umfeld, Schulung und Edukation, Versorgung und Unterstützung bei alltäglichen Ausführungen und rehabilitative Arbeit zur Rückgewinnung eigener Ressourcen. Und das war noch lange nicht alles.

Pflege kann so viel. Und Pflege macht so wenig.

Doch wem ist das geschuldet? Der Politik? Den Lobbyisten? Der Pharma? Vielleicht uns selbst?

Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Spricht man mit Pflegenden im Querschnitt, bekommt man immer wieder zwei Aspekte zu Ohren. Wir brauchen 1) bessere Löhne und 2) bessere Arbeitsbedingungen. Die Zustände sind klar, die Medien haben genug berichtet. Es ist angekommen. Doch woher rühren eigentlich diese Probleme?

Das DRG-System

Schaut man sich den Aufbau einer Diagnoses Related Group an, so wird schnell deutlich, was fehlt.

Bild: Reimbursement Institute

Richtig: es fehlt die Pflege.

Das komplette Finanzierungssystem der Krankenhäuser in ganz Deutschland berücksichtigt einen Punkt nicht.

Die größte Berufsgruppe der Bundesrepublik – Die Pflege

Pflegende sind keine Gewinnbringer, Pflegende kosten Geld. Dass an uns gespart wird, darüber brauchen wir uns – zumindest aus ökonomischer Sicht – nicht wundern. Wir sind die meisten und bringen an wenigsten.

Aber bringt Pflege wirklich nichts?
Irrsinn. In unserem System des Kapitalismus hat die Wirtschaft die Oberhand gewonnen. Wenn der Patient nach seinem Schlaganfall durch die Pflegeexpertise einer Fachkraft es wieder schafft, selbständig zu essen und zu trinken, bedeutet das für unser Wirtschaftssystem: er wirft trotzdem keinen Gewinn mehr durch seine verlorene Arbeitskraft ab. In Zahlen ist dieser Mensch nutzlos geworden.

Und hier kommen die Psychologie und die Soziologie ins Spiel. Was ist die Bedeutung eines Menschen für die Gesellschaft? Was ist man der Gesellschaft wert? Und was ist man der Politik, der Demokratie, dem Staat wert? Fragen, die sicher auch mit einer großen ethischen Komponente versehen sind.

In einer Gesellschaft, in der wir uns hauptsächlich über Leistung und Oberflächlichkeiten definieren, hat die “Schwäche”, das “Gebrechen” ´, das “Nicht-mehr-so-gut-Können” keinen Platz. Der Mensch wird (un)gewollt degradiert in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bestehend aus denen, die Leistung bringen und denen, die keine Leistung mehr bringen können.

Die Politik

Maßgeblich beeinflusst werden wir als Profession durch große Einrichtungen wie das Bundesgesundheitsministerium, den Gemeinsamen Bundesausschuss, die Arbeitgebervertreter und Ökonomen. Mit dem Mensch kann viel Geld gemacht werden.

Diverse Gesetzgebungen zur “Stärkung” der Pflege widerstreben so oft den Vorschlägen, Ideen und Belangen der gesamten Berufsgruppe. Der Deutsche Pflegerat, die Berufsverbände, die Netzwerke veröffentlichen zu jedem Gesetz, vor und nach Erlass eine Stellungnahme. Sie stehen öffentlich und aktiv zur Unterstützung und Beratung der politischen Organe bereit. Aber man will sie nicht. Die Pflege findet kein Gehör.

Im politischen Gesundheitswesen findet wir nach außen hin momentan nur eine Pflegekraft, die eine “wichtige” Stelle besetzt. Andreas Westerfellhaus als Pflegebevollmächtigter und Staatssekretär. Sein Einfluss? Gleich Null. Vorschläge darf er machen. Mitwirken schon nicht mehr so.

Wir – die Pflegenden

Die professionelle Pflege hat als eigenständiger Ausbildungsberuf eine relativ kurze Historie. Eine dreijährige Ausbildung gibt es seit vielleicht 60 Jahren. Das Wissen rund um die Pflege ist in den letzten 20 Jahren stark gewachsen. Die Berufsgruppe auch.

Vielleicht haben wir es gerade deshalb verpasst, uns für uns selbst einzusetzen. Wir sind mit Abstand die größte Berufsgruppe. Dreimal so viele Personen wie beispielsweise Ärzte. Zigmal so viele wie Berufspolitiker oder Ökonomen. Und wir schaffen es nicht, uns eigene Repräsentanten zu suchen, die für uns als Profession sprechen und für uns einstehen. Wir schaffen den Schritt nicht in die Selbstverwaltung.

Übermorgen (02. Februar) demonstrieren in Hannover Pflegekräfte gegen die Pflegekammer Niedersachsen. Auf deren Schildern steht “Wir brauchen mehr Arbeit. Wir brauchen mehr Lohn.”

Ist das nicht absurd? Gegen ein Organ zu demonstrieren, das sich genau für das stark macht, was sie fordern?

Wir müssen aufwachen. Wir Pflegenden müssen endlich aufwachen. Wir müssen den Schritt gehen von der Fremdbestimmung hin zur Selbstbestimmung. Wir sind so viele und lassen uns trotzdem so klein halten. Das kann einfach nicht sein.

Deswegen: organisiert euch, vernetzt euch, tauscht euch aus. Denn Berufspolitik geht uns alle etwas an.


Was denkt ihr? Wie können wir den Pflegenotstand angehen? Welche konkreten Maßnahmen habt ihr im Kopf? Was muss sich dringend ändern? Und wie können wir stärker Einfluss nehmen und gewinnen?

Schreibt es mir in die Kommentare. Ich freue mich auf spannende Diskussionen!

Beste Grüße,

Euer Fritz @denep1920

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